Süße Leidenschaft im Nürnberger Land

In ihrer Imkerei „Das Bienenkörbchen“ in Lauf an der Pegnitz setzen Thomas und Christine Reichel die stolze Zeidlertradition des Nürnberger Lands fort. Dabei lassen sie sich auch gern über die Schulter schauen.

Mein Name ist Barbara Keil, ich bin an der Grenze zum Reiseland Franken aufgewachsen und habe schon als Kind gern meine fränkischen Verwandten besucht. Doch erst als ich vor einigen Jahren anfing, als Redakteurin beruflich nach Franken zu reisen, ist mir klar geworden, wie unglaublich vielfältig die Region ist. Jeder Ausflug bietet neue überraschende Entdeckungen und spannende Begegnungen mit den Menschen vor Ort!

Mit den „Hausbesuchen“ begleiten wir Einheimische bei ihrem täglichen Wirken im Urlaubsland Franken. Heute bin ich zu Gast im Nürnberger Land, bei Thomas und Christine Reichel und ihren fleißigen Bienen-Völkern.

Behutsam setzt Thomas Reichel den Stockmeißel an und löst ein Rähmchen, um es herauszuziehen. „Mit meinen Mädels arbeite ich ganz vorsichtig“, erklärt er. Die Bienen scheinen das zu wissen. Sie schwirren zwar um ihn herum und krabbeln sogar über seine nackten Oberarme, reagieren aber nicht aggressiv auf die Störung.

Bienen begleiten Thomas Reichel schon seit seiner Kindheit, als sein Großonkel ein Bienenhaus baute. „Damals hatte ich die Wahl“, erzählt er mit einem Schmunzeln: „Entweder sonntags in die Kirche gehen oder dem Onkel beim Bau helfen und dann auch noch zehn Mark dafür kriegen.“ Die Entscheidung fiel dem damals zehnjährigen Thomas nicht schwer. Die Arbeit machte ihm so viel Spaß, dass er die Imkerei später zu seinem Hobby und schließlich sogar zum Beruf machte. Damit setzt er eine lange Tradition im Nürnberger Land fort. „Der Nürnberger Reichswald war schon im Mittelalter bekannt für die Honigproduktion“, weiß seine Frau Christine, die aus einer Imkerfamilie kommt. Die süßen Erzeugnisse reihen sich ein in die reiche Kulinarik des Urlaubsgebiets, das eigentlich bekannt ist für deftige Küche aus eigener Hausschlachtung und frisch gezapftes Bier. Nach dem Besuch einer der zahlreichen Burgen der Region, nach einer ausgiebigen Wanderung oder einer Radtour auf den vielen Wegen, die die Hügellandschaft des Nürnberger Lands durchziehen, ist also für die Einkehr bestens gesorgt. Und was könnte dann einen erholsamen Tag besser abrunden als ein mit Honig gesüßter Nachtisch?

©Michael Schober

Für den „süßen Lohn“ im alt-ehrwürdigen Imkerhandwerk jedenfalls müssen nicht nur die Arbeiterinnen im Inneren des Bienenstocks schwer schleppen. Thomas Reichel sorgt dafür, dass seine Bienenstöcke immer in der Nähe der Blüten sind. Im Morgengrauen transportiert er sie von einem Standort zum nächsten. Jeder der rund 30 Kilogramm schweren Kästen wird dabei vorsichtig von Hand auf- und abgeladen. „Die Leute wissen gar nicht, wie oft wir dieses Gewicht bewegen, bevor der Kunde sein Glas Honig mit nach Hause nehmen kann“, meint der Imker. Auch Christine Reichel hat so manche „Trainingseinheit“ für den Honig eingelegt, wenn sie die Schleuder per Hand bediente. Inzwischen sorgt im Keller der Reichels, der für die Honigproduktion eingerichtet ist, eine elektrische Schleuder dafür, dass der Honig vorsichtig aus den Waben gelöst wird. Dickflüssig und goldbraun läuft er durch ein Sieb, das Wachsteile herausfiltert. Zu fein darf es aber nicht sein, sonst werden auch Pollen und andere wertvolle organische Inhaltsstoffe entfernt. „Wenn Waldhonig total klar ist, ist er zu stark gefiltert“, warnt der Fachmann.

„In der Natur greift alles ineinander – Zahnrad für Zahnrad“

Thomas Reichel

Der Waldhonig, der im Sommer geerntet wird, entsteht aus Honigtau: Blatt- und Rindenläuse nehmen Pflanzensaft aus den Spitzen der Nadelbäume auf und scheiden dabei den Überschuss direkt wieder aus. Diesen Honigtau sammeln die Bienen. Ein gutes Beispiel dafür, findet Thomas Reichel, „wie in der Natur alles ineinander greift – Zahnrad für Zahnrad.“ Das Verständnis für diese Zusammenhänge möchte er auch anderen vermitteln, zum Beispiel mit dem Angebot „Imker für einen Tag“. Die beste Zeit dafür ist im Mai und Juni. Dann haben die Reichels oft Besuch von Kindergartengruppen und Schulklassen, die hier, neben den Angeboten der verschiedenen Museen im Nürnberger Land, auch Praktisches aus der Natur vermittelt bekommen. Auch bei Vorträgen macht der Imker deutlich, dass Bienen nicht nur Honig liefern, sondern darüber hinaus mehr Blüten bestäuben als alle anderen heimischen Insektenarten.

Reichel ist auch Vorstand des Imkervereins Hersbruck, der vor Kurzem einen Bienenlehrpfad in Hersbruck eröffnet hat und nun an einem Ausbildungszentrum für Jungimker arbeitet. Für seine vorbildliche Nachwuchsarbeit wurde er 2017 vom bayerischen Landwirtschaftsminister geehrt. Beim Verein „Heimat auf’m Teller“ arbeiten die Reichels außerdem mit anderen Direktvermarktern und Gastronomen aus der Region zusammen. So entstehen neue Ideen – wie der Honig mit Birnenbrand, der wiederum zur Füllung für verführerische Pralinen wurde. Beides wurde 2019 im Spezialitätenwettbewerb „Unsere Originale“ der Metropolregion Nürnberg ausgezeichnet. Dazu umfasst die Produktpalette der Reichels je nach Saison auch Walnüsse in Honig, Met und Gewürzhonig mit Pfefferminzöl oder Chili. Der Honig inspiriert sie immer wieder aufs Neue.

Lust auf einen Besuch im Nürnberger Land bekommen, um die Leckereien im „Das Bienenkörbchen“ selbst zu probieren? Dann finden sich weitere Informationen unter www.urlaub.nuernberger-land.de. Lauf an der Pegnitz ist an das DB-Netz angeschlossen und über mehrere Linien des VGN im Nürnberger Land gut erreichbar.

Barbara Keil

Verfasst von Barbara Keil
am 23. Juni 2021 unter Genießerland Franken, Hausbesuche Franken mit den Schlagwörtern Direktvermarkter, Genuss, Kulinarik, Kultur, Nürnberger Land, Tradition.

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