Paradies hinterm Busch: Der Magdalenenaltar in Aschaffenburg

Wer vor dem Magdalenenaltar im Stiftsmuseum Aschaffenburg steht, blickt zunächst auf die ganz großen Szenen. Christus erhebt sich aus seinem Grab, Engel schweben durch ein Meer aus Farben, Heilige stehen lebensgroß auf den Flügeltafeln. Es ist ein Bild voller Pracht und Symbolik. Und doch zieht viele Besucherinnen und Besucher irgendwann etwas ganz anderes in den Bann: ein Busch. Genauer gesagt ein Busch, hinter dem sich Eva versteckt. Oder besser: hinter dem sie jahrhundertelang versteckt wurde. Im Paradies beginnt die Geschichte eines der spannendsten Museumsschätze Aschaffenburgs.

Unsere Museumsschätze stellen besondere und oft einmalige Exponate aus den Museen der Fränkischen Städte vor – Sie erzählen Geschichten, die Geschichte lebendig werden lassen. Der Magdalenenaltar im Stiftsmuseum Aschaffenburg ist eines dieser außergewöhnlichen Zeugnisse – ein Kunstwerk, das von Reformation, Exil und wechselnden Moralvorstellungen erzählt und dabei selbst nach Jahrhunderten noch Überraschungen bereithält.

Als der Busch plötzlich kleiner wurde

Am unteren Bildrand der Mitteltafel befindet sich die Darstellung von Adam und Eva. Als Restauratorinnen und Restauratoren den Magdalenenaltar für die große Ausstellung „Cranach im Exil“ vorbereiteten, machten sie eine überraschende Entdeckung: Der Busch vor Eva war im Laufe der Jahrhunderte deutlich gewachsen. Nicht in der Natur natürlich, sondern auf dem Gemälde.

© Ines Otschik (Museen der Stadt Aschaffenburg)

Irgendwann hatte jemand den Strauch übermalt und vergrößert. Der Grund dafür war schnell gefunden: Der ursprünglich von Lucas Cranach und seiner Werkstatt gemalte nackte Frauenkörper sollte etwas züchtiger erscheinen. Der Po der Eva verschwand hinter zusätzlichem Blattwerk. Erst bei der Restaurierung wurde diese spätere Übermalung entfernt und das ursprüngliche Bild wieder sichtbar. Wer Kunstbände aus der Zeit vor 2006 aufschlägt, entdeckt deshalb oft noch die „entschärfte“ Version.

Seit der Wiederherstellung zeigt sich Eva wieder so, wie Cranach sie einst gemalt hatte – und erzählt ganz nebenbei davon, wie sich Moralvorstellungen im Laufe der Jahrhunderte verändern.

Ein Kunstschatz auf Reisen

Die Geschichte des Altars reicht jedoch weit über den berühmten Busch hinaus. Der Magdalenenaltar gehört zu einem der größten Gemäldeaufträge der deutschen Kunstgeschichte. Anfang des 16. Jahrhunderts ließ Kardinal Albrecht von Brandenburg für die Neue Stiftskirche in Halle insgesamt 16 große Flügelaltäre mit rund 150 Tafelbildern in der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä. anfertigen.

© Aschaffenburg / Till Benzin

Albrecht von Brandenburg war einer der mächtigsten Kirchenfürsten seiner Zeit – und zugleich einer der bekanntesten Gegenspieler Martin Luthers. Als sich die Reformation in Halle durchsetzte, musste er seine Residenz verlassen. Sein neues Zuhause fand er im katholisch gebliebenen Aschaffenburg.

Mit ihm kamen Wagenladungen voller Kunstschätze an den Main. Auch der Magdalenenaltar trat diese Reise an. Über Jahrhunderte blieb der Altar in Aschaffenburg, doch vollständig war er irgendwann nicht mehr. Während der Säkularisation wurden die Tafeln getrennt und an unterschiedlichen Orten aufbewahrt. Die monumentalen Bildteile verloren ihren Zusammenhang, manche galten lange als verstreut.

© Ines Otschik (Museen der Stadt Aschaffenburg)

Wiedervereint nach fast zwei Jahrhunderten

Erst 2007 änderte sich das. Für die Ausstellung „Cranach im Exil“ wurden die erhaltenen Tafeln wieder zusammengeführt. Zum ersten Mal seit vielen Generationen ließ sich der Magdalenenaltar wieder als Ganzes erleben. Seitdem ist er als Dauerleihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Stiftsmuseum zu sehen.

Dort bildet er heute den Mittelpunkt einer Sammlung, die zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kunstensembles Deutschlands zählt. Das Stiftsmuseum befindet sich im ehemaligen Kapitelhaus des Stifts St. Peter und Alexander und beherbergt neben dem berühmten Cranach-Altar den kostbaren Stiftsschatz mit Objekten aus Gold, Silber und Bergkristall.

© Till Benzin / Aschaffenburg

Wer durch die historischen Räume und den romanischen Kreuzgang schlendert, begegnet dabei immer wieder Spuren jener Zeit, in der Aschaffenburg über Jahrhunderte als zweite Residenz der Mainzer Kurfürsten und Erzbischöfe eine bedeutende Rolle spielte.

Köstliche Fusion

So viel Kunstgeschichte macht hungrig. Zum Glück wartet in Aschaffenburg eine Spezialität, die deutlich jünger ist als der Magdalenenaltar, aber mindestens ebenso originell: die Brizza. Erfunden wurde sie 2020 von Jennifer und Sascha Zeller im traditionsreichen Wirtshaus Wurstbendel. Die Idee klingt verblüffend einfach: Was passiert, wenn man die bayerische Brezel und die italienische Pizza miteinander kombiniert?

© Brizza GmbH / Effrosyni Lamprousi

Die Antwort ist ein knuspriger Brezelboden mit fluffigem Brezelrand, belegt mit allem, was die fränkisch-bayerische und internationale Küche hergeben. Mal trifft Obatzter auf Speck und Zwiebeln, mal Sauerkraut auf Nürnberger Rostbratwürstchen, mal mediterranes Gemüse auf Hirtenkäse. Eine kulinarische Fusion, die inzwischen weit über Aschaffenburg hinaus bekannt geworden ist – ihren Ursprung aber bis heute in der Stadt am Main hat.

Wer den Magdalenenaltar heute im Stiftsmuseum entdeckt, begegnet nicht nur einem außergewöhnlichen Kunstwerk, sondern auch einem Stück europäischer Geschichte. Reformation und Gegenreformation, Macht und Glauben, Kunst und Zeitgeist – all das steckt in den farbenprächtigen Tafeln, die nach Jahrhunderten wieder vereint in Aschaffenburg zu sehen sind. Das Stiftsmuseum liegt mitten in der historischen Altstadt und ist vom Hauptbahnhof bequem zu Fuß erreichbar. Wer seinen Besuch verlängern möchte, kann anschließend durch die Gassen der ehemaligen kurfürstlichen Residenzstadt schlendern, das nahe gelegene Schloss Johannisburg besuchen oder die südlich anmutende Atmosphäre am Main genießen. Und vielleicht bleibt am Ende vor allem ein Detail in Erinnerung: eine Eva, ein Busch und die Erkenntnis, dass selbst die kleinsten Elemente eines Kunstwerks manchmal die spannendsten Geschichten erzählen (Hier geht’s zum Video).

Verfasst von Tourismusverband Franken e.V.
am 12. Juni 2026 unter Allgemein, Die Fränkischen Städte, Kultur in Franken, Museumsschätze mit den Schlagwörtern Aschaffenburg, Die fränkischen Städte, Kultur, Museum.

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